FAQs zu den Unwettern und Überschwemmungen der letzten Wochen

 

In den letzten Tagen sind viele Fragen aufgetaucht die diskutiert werden. Die Fragen die wir erhalten haben, haben wir zusammengefasst um Licht in manche Fragestellung zu bringen. Wir hoffen damit sachliche Informationen geben zu können.

 

 

Weshalb wurde nahezu der komplette Humus im Gebiet abgeschoben?

Das Baugebiet Haiden ist rund 6,5 ha, also 65.000 m², groß. Im Bereich Richtung Stockacher Straße wurde nur ein Teil der Humusfläche abgetragen. Da hier Mehrfamilienhäuser entstehen sollen, sind die Baugrundstücke groß, so dass für die Straßen- und Arbeitsfläche nur ein Teil des Humus abgetragen werden musste. Im oberen Verlauf wird die Bebauung kleinteiliger und die Straßen liegen näher beisammen, so dass nahezu keine Grünflächen zwischen den Straßen verblieben wären. Im oberen Verlauf musste vor allem zur Sicherung der archäologischen Grabungen eine sehr große Fläche in den Bereichen, in denen ansonsten noch Grün verblieben wäre, vom Humus befreit werden. Am Ende hätten vielleicht  ca. 1.000 – 5.000 m² nicht abgetragen werden müssen. Diese hätten aber auch keinen signifikanten Unterschied ergeben.

Welche Hochwasserschutzmaßnahmen wurden Baugebiet Haiden getroffen?

Der Wasserfluss wurde geändert und zum Teil von der Schorenstraße auf die Stockacher Straße verlagert, denn während im alten Ortsgebiet nur HQ 2, also das alle 2 Jahre auftretende Hochwassser, abgeleitet werden kann, besteht in der Stockacher Straße durch den Staukanal eine höhere Kapazität. Zusätzlich wird durch kaskadenartig angeordnete Becken die Fließgeschwindigkeit verringert. Die Becken in der Schoren- und Stockacher Straße sind mit einer tieferliegenden Überlaufschwelle ausgestattet, um einen gezielten Überlauf zu haben. In der Zwischenzeit sind auf der gegenüberliegenden Straßenseite Prallflächen eingerichtet, um die Mehrfamilienhäuser in der Gartenstraße nicht zu fluten. Das Wasser aus dem Baugebiet vermischt sich mit dem Wasser, das aus den Außenbereichen auf die B 31 alt zufließt und aufgrund des Gefälles über Stockacher- und Hauptstraße in Richtung See geleitet wird. Trotz gekalkter Oberflächen im Baugebiet werden Feinbestandteile des Bodens abgetragen und als Schlamm mitgeschwemmt, der sich mit dem „sauberen“ Wässern aus anderen Bereichen vermischt. Es entsteht so für manchen der Eindruck, dass alles Wasser aus dem Baugebiet Haiden käme – dem ist aber definitiv nicht so! Die Dämme haben gehalten, die zur Filterung vorgelagerten Steine wurden zum Teil mitgeschwemmt – die Dämme sind aber nicht in der Lage, solche Starkregenereignisse vom 14.07. und 21.07. zurückzuhalten. Den Regen vom 08.07., der zum Abbruch des Konzerts von Papis Pumpels führte, hätten die Dämme höchstwahrscheinlich zurückhalten können. Zur besseren Übersicht zeigen wir einen Plan der Beckenkonzeption.

Wie werden Sie das enorme Oberflächenwasser sicher ableiten?

Bereits Anfang der 2000-er Jahre haben wir gemeinsam mit dem Straßenbaulastträger den Staukanal in der Stockacher Straße gebaut und das Volumen des Baugebiets Haiden berücksichtigt. Damals war noch nicht klar, wann dieses Baugebiet kommt. Durch den Flächennutzungsplan war aber klar, dass eine städtebauliche Entwicklung in Richtung Stockach irgendwann kommen wird. Darüber hinaus wurde 2011 der „Allgemeine Kanalisationsplan (AKP)“ überarbeitet, um die Leistungsfähigkeit des Kanalnetzes zu überprüfen. Der Staukanal hat zur Entschärfung der kritischen Punkte beim Gasthaus Krone und Gasthaus Traube geführt und das Ortsnetz deutlich entlastet. Im Bebauungsplanverfahren wurde ein Ableitkanal für das Oberflächenwasser eingeplant, der ab der Geländekante im Baugebiet Haiden das Regenwasser aufnimmt und die spätere bauliche Entwicklung Richtung Stockach berücksichtigt. Das Kanalnetz ist auf den guten durchschnittlichen Wert von HQ 2, dem statistisch alle zwei Jahre auftretendem Regenereignis konzipiert. Es war also klar, dass wir eine andere leistungsfähige Entwässerung benötigen. Da wir ohnehin den Mühlbach hochwassersicher ausbauen müssen, bot es sich an das Oberflächenwasser aus dem Baugebiet Haiden und der weiteren baulichen Entwicklung von vorneherein dort einzuplanen.

Wäre es nicht sinnvoller die Ortskanäle auszubauen?

Eine höhere Dimensionierung der Ortskanalisation verursacht immense Kosten und wäre auch nicht schnell zu realisieren. Hinzukommt, dass die immensen Wassermengen dann der Kläranlage zugeleitet würden. Die ist aber hierzu nicht in der Lage. Solche Wassermassen würden die Kläranlage fluten. Außerdem würden zu groß dimensionierte Abwasserrohre nur noch bei Regenereignissen einen Wasserzug haben mit der Konsequenz, dass die schweren Fäkalien nur noch dann mitgeschwemmt würden. Die Rohre würden sich zusetzen und einen erhöhten Aufwand verursachen. Es würde sich auch niemand über den Gestank, der den Rohren entweichen würde, freuen. Es ist also keine Alternative, weder wirtschaftlich noch hygienisch die Dimension der Ortskanalisation zu erhöhen.

Ist dann der Mühlbach mit dem zusätzlich hinzukommenden Wasser der künftigen baulichen Entwicklung nicht überlastet?

Das Ing. Büro Reckmann hat nach Überprüfung des AKP die notwendigen hydraulischen Reserven für die künftige baulichen Entwicklung und den ohnehin notwendigen Hochwasserschutz berechnet. In der Kombination „Leitdamm Gässleäcker“, der zwar noch nicht ganz fertiggestellt ist, aber schon funktionsfähig und für die Anrainer des Mühlbachs das Schlimmste verhindert hat, und „Hochwasserrückhaltebecken (HRB) Fuchsweg“ sowie ausreichend dimensionierter Seeleitung kann ein Hochwasserschutz HQ 100 gebaut werden. Damit besteht also ein Schutz vor dem statistisch alle hundert Jahre auftretendem Hochwasserereignis. Bei größeren Hochwasserereignissen muss das Wasser über eine Überlaufschwelle in die Talstraße geleitet werden. Hierzu muss der Hochbord in der Talstraße beibehalten werden. Sie erinnern sich, das Kanalnetz ist auf HQ 2 ausgebaut. Der Mühlbach wird mit einer Leistung von HQ 100, wie heute schon der Gießbach, eine der leistungsfähigen Entlastungen des Ortsgebietes sein. Unabhängig davon werden in den großen Einzugsgebieten außerhalb der Ortslage Rückhaltemaßnahmen notwendig sein. Leider sind wir nicht Eigentümer dieser Flächen. Wir hoffen hier auf die Mitwirkung der Eigentümer.

Wie sichern Sie bestehende Grundstücke?

Einerseits sollte es im Interesse jeden Hauseigentümers sein sich selbst zu schützen, indem Lichtschächte, Hauseingänge und Terrassentüren erhöht gebaut werden. Gleiches gilt für Garagen oder gar Tiefgaragenabfahrten. In jedem Fall sollte die Zufahrt von der Straße mit einem Randstein ausgeführt sein. Im Bedarfsfall muss über eine zusätzliche Schwelle (Kantholz o.ä.) nachgedacht werden. Möglicherweise müssen Grundstückseigentümer auch über einen weiteren Schutz ihrer Entwässerungsrinnen nachdenken. In jedem Fall aber sollten diese regelmäßig gereinigt werden. Tiefgaragen sollten dringend über einen Pumpensumpf am tiefsten Punkt verfügen. Die Freiwillige Feuerwehr wird es, wenn mehrere Häuser vom Hochwasser betroffen sind, weder personell noch technisch leisten können, niedere Wässer aus Garagen zu pumpen. Der wichtigste Schutz ist der Einbau einer Rückstauklappe, die verhindert, dass Wasser aus dem Kanal in die Hausleitung zurückgedrückt wird. Dabei ist zu beachten, dass das Dachwasser nicht „innerhalb“ der Rückstauklappe angeschlossen ist, da sie sich sonst mit dem eigenen Dachwasser fluten. Darüber hinaus kann jeder eine kleine Mulde bauen und sein Dachwasser hineinleiten. Dies würde den immensen Druck aus der Ortskanalisation nehmen. Wenn dies 1000 Hauseigentümer machen würden, i.d.R. fasst eine Mulde 3 m³, dann reden wir hier über ein Volumen von 3.000 m³. Zum Vergleich: der Staukanal in der Stockacher Straße hat von Volumen von 240 m³, also 240.000 l.

 

 

 

Der Gießbach wurde hochwassersicher ausgebaut. Weshalb ist er überlaufen? Wurde zu wenig getan?

Der hochwassersichere Ausbau des Gießbachs hat 3,2 Mio € gekostet. Auch während seiner Bauphase im Jahr 2004 kam es zu einem Starkregenereignis mit Überflutungen. Er ist über HQ 100 ausgebaut. Über mehrere Kaskadenbecken läuft das Wasser in den Einlauf. Einziger Zweck der Kaskadenbecken ist es die Fließgeschwindigkeit zu verringern um schwerere Bestandteile (Holz) schon im Vorfeld abzulagern. Das Einlaufbauwerk am Eingang des Gießbachtobels hat einen Grobrechen sowie vor dem Rohreinlauf einen Feinrechen, der überstaut werden kann. Das Unwetterereignis am 21.07.17 hat mit seinen unglaublichen Regenmassen dazu geführt, dass die Fließgeschwindigkeit nicht mehr durch die Kaskadenbecken runtergebremst wurde um größere Holzanteile zurückzuhalten, sondern sich diese vor den Grobrechen gesetzt haben. Hierdurch wurde etwa 1/6 bis ¼ des heranstürmenden Wassers auf den Wanderweg ausgeleitet und über die Haldenhofstraße in den Ort gespült. Insgesamt wurden 2 LKW Holz vor dem Großrechen und 9 LKW Schlamm und Geröll aus dem Einlaufbecken entfernt. Im Einlaufbecken, das im November letzten Jahres gereinigt wurde, war noch genügend Volumen zur sicheren Ableitung in die Seeleitung gegeben. Das Wasser wurde bereits vor dem Einlaufbauwerk durch das angeschwemmte Holz zum Teil ausgeleitet. Das Becken wird mittels Sichtprüfung überprüft und je nach Bedarf gereinigt. Eine Ausräumung des Waldes im Einzugsgebiet und des Tobels erfolgt nicht. Wir werden unseren Ablauf nach den neusten Ereignissen kritisch prüfen und ggfs. ändern.

Wie werden die zukünftig vorgesehenen Grundstücke zwischen Schorenstr. und Gießstr. oberflächenentwässert werden?

Im alten Ortsbereich besteht lediglich ein Mischsystem, d.h., dass Fäkalien- und Oberflächenwasser sich eine gemeinsame Leitung teilen müssen. In neueren Gebieten ist das Trennsystem ausgeführt. Schoren- und Gießstraße verfügen lediglich über eine Mischwasserleitung. Sie haben keine separate Oberflächenentwässerung.

Die Bahnhofstraße steht regelmäßig unter Wasser. Welche Maßnahmen sind geplant um dies zu beseitigen?

Während das Oberflächenwasser aufgrund der Topographie dem See zufließt bildet die Bahnlinie einen Riegel, der höher liegt und damit das Oberflächenwasser in der Bahnhofstraße sammelt. Seit Anfang der 90-er Jahre liegt ein Staukanal in der Bahnhofstraße. 2002 wurde die Seeleitung, die unter dem Seehotel Adler liegt, erneuert. Allerdings ist deren Leistungsfähigkeit begrenzt. Mit dem neuen Mühlbachauslass westlich des Yachtclub- und Gemeindehafens wird eine zusätzliche Ableitung geschaffen, die die Leistungsfähigkeit deutlich erhöht. Derzeit laufen die Gespräche mit dem Landratsamt zur Vorbereitung eines Wasserrechtsgesuchs. Diese bauliche Maßnahme könnte bis Februar 2018 ausgeführt sein. Bis dahin haben wir mit dem THW ein Pumpenkonzept ausgearbeitet. Das Wasser der Bahnhofstraße wird in die bestehende Ableitung gepumpt. Allerdings hilft uns dies nur beschränkt, da mehr Wasser nachfließt als weggepumpt werden kann. Eine bauliche Veränderung ist deshalb notwendig, um die Leistungsfähigkeit zu verbessern.

Liegen nunmehr Daten zu dem letzten Unwetter vor?

Nach Regenradar hat das Ereignis am 21.07.17 ca. 3 Stunden gedauert, wobei die größte Regenintensität in der ersten Stunde war (Maximum um 21.25 Uhr). Die Böden waren durch vorangegangene Regenereignisse bereits gesättigt und konnten nicht mehr viel aufnehmen. Das Radarbild zeigt die maximale Regensumme nördlich des Einzugsgebietes Gießbach. Allerdings wird in etwa 2 km Höhe gemessen, durch den Wind (ca. 60-80 km/h) kann die Lage des Zentrums am Boden verschoben sein. Nach Radar fielen max. 97mm Regen in 3 Stunden, ca. 70% davon bereits in der ersten Stunde. Das entspricht einem ca. 650jährigem Ereignis. Nach den Daten der privaten Messstation am Feuerwehrhaus fielen ca. 80mm Regen in 1 Stunde, das entspricht einem ca. 500jährigem Ereignis. Der hochwassersichere Ausbau des Gießbachs erfolgte auf HQ 100. Für das Ereignis vom vergangenen Freitag konnte die Maßnahme nur einen Teilschutz gewähren. Der Abfluss ist etwa 30-40 % höher als bei HQ 100.

 

 

Wann und wie hoch steigen die Gebühren und Abgaben im Ort, oder wer zahlt für Schäden und Einsätze der letzten Wochen?

Die Gebühren und Abgaben würden bei einem Ausbau der Kanäle steigen. Dadurch aber, dass dies für uns keine Option darstellt, haben wir uns auf den hochwassersicheren Ausbau des Mühlbachs konzentriert. Die Gesamtkosten liegen etwa bei 5,1 Mio €, wir erhalten einen Zuschuss von 3,57 Mio € vom Land Baden-Württemberg. Das Fehlende finanzieren die Bürgerinnen und Bürger mit ihrem Steueraufkommen und Abgaben. Die Unterhaltungskosten werden ebenfalls steigen. Die Kosten werden über die Laufzeit der Maßnahme auf durchschnittlich 40.000 €/Jahr taxiert. Auch diese Kosten werden durch die allgemeinen Einnahmen gedeckt, gesonderte Gebühren werden nicht erhoben. Gleiches gilt für entstandene Schäden und deren Beseitigung, soweit die Versicherung nicht zahlt erfolgt die Deckung durch die allgemeinen Einnahmen.

 

Ihr

 

Matthias Weckbach

Bürgermeister